Januar 18, 2010
Beoseu, Jeong Ryu-jang – Bus stop
Bus stop klingt nach dem Lesen des Titels und kurzer Zusammenfassungen des Inhalts eher nach einem langweiligen Film – was nicht heißt, daß man mit langweiligen Geschichten nicht auch tolle Filme machen könnte. Leider ist das mit diesem Werk von 2002 nur teilweise erfolgt.
Jae-Sup, 32 Jahre, alleinstehend und ein bißchen soziophob arbeitet in Teilzeit als Lehrer an einer Privatschule. So-Hee ist 17, und neu in der Klasse derselben Privatschule. Während er mit der Welt abgeschlossen hat und sich nichtmal mit den Arbeitskollegen anfreunden will, scheint sie Schwierigkeiten haben sich in ihre neue Klasse zu integrieren. So begegnen sich diese beiden Charaktere an der Bushaltestelle nach der Schule, und ein Gedankenaustausch beginnt.
Wenn man aufgrund der Inhaltsbeschreibung auf eine kitischige Romanze tippt, liegt man falsch. Die Beziehung zwischen den beiden ist weder romantisch noch sexuell, sondern eine des Kontakts zweier Welten, die sich teilweise überlappen, teilweise im starken Kontrast stehen. Während er sich nicht mit der Gesellschaft mit all ihren Regeln und Ritualen anpassen kann, ist es bei ihr eine Trotzhaltung, die sie dazu bewegt anders sein zu wollen als alle anderen. Das Thema ist, wo steht das Individuum innerhalb der Gesellschaft? Die Dialoge sprechen recht viel, doch leider bleiben die Schauspieler und die Gesamthandlung weit hinter den Erwartungen zurück. Insgesamt wirkt der Film daher eher wie eine halbherzige TV-Produktion, was Schade ist, da man mehr Potential darin stecken sieht.
Januar 4, 2010
Madeo – Mother
Mother ist ein kräftiger Titel, der hohe Versprechungen macht. Man erwartet sofort, dass der Film die gesamte Komplexität der Beziehung zwischen einer Mutter und ihren Kindern beschreibt. In diesem zweistündigen Krimi, bekommt man einen Einblick in die Welt einer Mutter, die ihren Sohn über alles beschützen will, mit sämtlichen Konsequenzen die sich daraus ergeben. Was sie dafür zu opfern bereit ist, entwickelt sich in diesem Drama nach und nach.
Eine Mutter lebt alleine mit ihrem einzigen Sohn: der achtundzwanzigjährige und geistig leicht zurückgebliebene Do-joon. Dieser wird eines Tages wegen Mordverdachts an einem jungen Mädchen inhaftiert. Als er überredet wird ein Geständnis zu unterschreiben und der Fall damit abgeschlossen wird, läßt seine Mutter nichts unversucht um seine Unschuld zu beweisen. Doch je länger sie auf eigene Faust ermittelt, desto mehr erfährt sie über sich selbst.
Dieser Film ist ein Einblick in den Kopf einer einsamen, egozentrischen und sturen Mutter, die für ihren Sohn alles zu opfern bereit ist. Der Sohn hingegen kämpft um seine Unabhängigkeit, und ist dadurch umso mehr ein Ebenbild von ihr. Die Story ist eine Art Mischung aus Fräulein Smillas Gespür für Schnee und Miss Marple, das ganze kombiniert mit den für Südkorea so typischen Handys und ständigem Kratzen am Körper. Auch wenn der Anfang sich ein wenig in die Länge streckt, und ich nebenher ein bißchen Spider Solitär spielen konnte, ist das Gesamtwerk doch recht gut gelungen. Wahrscheinlich bedarf es für ein westliches Publikum jedoch einer kürzeren Fassung, denn die Story könnte man auch in 90 Minuten adäquat unterbringen.
Januar 3, 2010
Ssang-hwa-jeom – A Frozen Flower
Den Trailer zu diesem Film habe ich nach einer Empfehlung aus der wkw-gruppe hancinema angeschaut, und war sofort begeistert. Großes Kino in Überlänge können nicht nur die Chinesen, scheint Korea sagen zu wollen. Meine einzige Befürchtung, dass die Homosexualität permanent im Vordergrund des Films steht, war unbegründet.
Hong-lim ist der Anführer der Leibgarde des Königs, doch seine Beziehung zu seinem Herrn gehen über das normale Maß hinaus. Das Land braucht jedoch dringend einen Thronerben, da es als Vasallenstaat unter großem Druck steht. Mit der Entscheidung des Königs, den Menschen dem er am meisten Vertrauen schenkt zu seiner Königin zu schicken, erweist sich jedoch als der Anfang einer langen Kette von einschneidenden Schicksalsschlägen, unter denen alle Beteiligten zu leiden haben.
Ein Epos wie man ihn von Südkorea nicht erwartet hätte. Der Film ist so lang, weil er eine so komplexe Geschichte von Treue und Verrat erzählt, deshalb gibt es auch keine langweilige oder überflüssige Szene. Es wird alles aufgetischt was man von einem guten Film erwartet: Bankette, Duelle, Attentate, Verschwörungen, Liebesabenteuer, Geschenke, Folter, Trennungen, Kämpfe, Gesang und Malerei. Doch das Hauptthema bei allen Beteiligten ist immer: Welchem Herrn gegenüber ist man am meisten verpflichtet? Der Liebe? Dem Land? Dem Vorgesetzten? Den eigenen Träumen? Dem Trieb? Der Gesellschaft und der Tradition? Besonders beeindruckend gespielt wird die Königin, bei der man in der Mimik schon alles ablesen kann was sie als nächstes sagen wird.
Januar 1, 2010
Nae Meorisokui Jiwoogae – A Moment to Remember
Bei der Auswahl dieses Films hab ich mich auf meinen Instinkt verlassen. Ein klassischer Drama-Titel, eine gute IMDb-Bewertung und ein schönes Filmplakat haben ausgereicht um mich zu überzeugen diesen Film anzuschauen. Das schwierigste war, sich zwei Stunden Zeit zu nehmen um dieses Drama unabgelenkt geniessen zu können.
Soo-jin hat einen Fehler gemacht: sie hat Schande über ihre Familie gebracht, als sie etwas mit einem verheirateten Mann anfing. Doch sie wagt einen Neuanfang, und der gelingt ihr mit Hilfe des wilden aber herzlichen Cheol-Soo. Ihr Vater gibt ihr dazu seinen Segen, und verzeiht ihr. Doch die neue Beziehung die harmonischer kaum sein könnte, steht unter zwei schwierigen Sternen: Er muss lernen, zu vergeben, während sie lernen muss, zu vergessen.
Dieses sehr souveräne wirkende Drama, erinnert von der Atmosphäre ein wenig an italienische Dramen, was auch durch den Soundtrack unterstrichen wird. Besonders reizvoll sind nicht nur die beiden sehr starken Hauptcharaktere, sondern auch die Mischung von Liebesgeschichte, Schicksalsdrama und Krankheitsporträt die außerordentlich gut funktioniert. Ein paar interessantere Nebenrollen und eine etwas ausgereiftere Feinabstimmung von Musik, Ton, Bild und Schnitt hätten das ganze noch abgerundet.
November 2, 2009
Keurosing – Crossing
In manchen Filmen besteht die Handlung darin, dass die Hauptcharaktere dabei beobachtet werden, wie sie durch ihr persönliches Umfeld und den historischen Kontext einen Fluss hinab getrieben und dabei von Felsen im Flussbett geprägt werden. So auch bei diesem fast zweistündigen Film.
Vater, Mutter, Kind und Hund leben friedlich in einem kleinen Dorf. Sie haben Arbeit und gute Freunde, und der ehemalige Fußballstar spielt gerne mit seinem Sohn im Hof, egal ob bei Regen oder Sonne. Leider gibt es einen Makel in dem Idyll: Sie leben in Nordkorea, und es gibt kaum Nahrung und Medikamente. Um seine Familie zu retten läßt der Vater nichts unversucht, und findet sich in einer Odyssee wieder, in der er weder Richtung noch Ausgang steuern kann.
Wieder ein Film den ich in die Kategorie: „Das Leben“ stelle, denn oft liefert die Lebensgeschichte eines einzigen Menschen genug Material um mehrere Dramen zu füllen. Gleichzeitig wird aber, wie der Titel bereits vermuten läßt, die Koreanische Spaltung aus Sicht der Südkoreaner in den Mittelpunkt gestellt. Die klassische Musik im Film ist sehr schwermütig bis wehmütig ist, so dass man das Gefühl bekommt, nur der portugiesische Fado könnte das noch übertreffen. Aber ein wahrer Genuss ist die Qualität der Bildaufnahmen von Anfang bis Ende. Wenn es kein High Definition TV gäbe, so müßte man es für diesen Film extra erfinden.
Oktober 15, 2009
Gabyeowoon – A Light Sleep
Dieser Film lockt mit einem Trailer, bei dem man nicht weiß, worum es in dem Film gehen wird. Nachdem ich ihn mir, passend zum kalten Herbstwetter, heute angeschaut habe, ist mir auch klar, dass kein Trailer einen Einblick in diesen Film geben kann. Dies liegt hauptsächlich an seiner Vielschichtigkeit kombiniert mit viel Interpretationsraum.
Yeo-Lin ist ein sechzehnjähriges Mädchen, dessen Eltern gestorben sind. Alleine versorgt sie ihre Schwester, die noch im Kindergarten ist, und lebt im Armenviertel der Stadt. Sie hat schwer an ihren Lasten zu tragen, und alle Hilfe die ihr angeboten wird, lehnt sie entschieden ab. Was sie immer wieder antreibt, trotz massiver Schlaflosigkeit, ist das frohe Lachen ihrer kleinen lebenslustigen Schwester.
Anhand der Situation der Hauptdarstellerin werden viele Problematiken, die sich bei diesem Mädchen angehäuft haben, angesprochen. Es geht um Fassaden und Illusionen, um Träume und Realität, um mediale und unmittelbare zwischenmenschliche Kommunikation, um Notwendigkeiten und Bedürfnisse, um Kindsein und Erwachsensein, und um einige weitere Konflikte. Am Anfang hat der Film sehr starke Parallelen zum Film „So finster die Nacht“. Doch je weiter sich die Story entwickelt, desto mehr wird einem klar, dass es sich um Probleme der Realität handelt und nicht um Filmfantasien zu Unterhaltungszwecken. Dementsprechend wird die erwartete Lebendigkeit durch eine Schwermütigkeit ersetzt, die eher in Richtung des Films „La stanza del figlio“ tendiert.

Oktober 4, 2009
Janghwa, Hongryeon – A Tale of Two Sisters
Normalerweise schaue ich keine Horrorfilme, da ich sonst schlaflose Nächte habe, aber nach dem Trailer von diesem Film, war die Neugierde zu groß. Ein Haus, ein Mädchen, ein Vater, und viele Erinnerungen, Träume und Ängste die aufkommen, besonders was die Stiefmutter und die Schwester angeht.
Leider habe ich an vielen Stellen nicht verstanden welcher Teil Realität, welcher Imagination und welcher Erinnerung sein soll. Man muß wirklich gut aufpassen um der Handlung zu folgen, und da ich mich ungern in Angstzustände versetze, habe ich mich zuoft abgelenkt, um eine faire Kritik der Handlung abgeben zu können. Besonders den Besuch der Ferienhaus-Nachbarn konnte ich überhaupt nicht einordnen.
Der Film besticht durch gut gespielte Rollen, fesselnde Bilder, und permanente Spannung. Wer Horror mag, kommt an diesem Werk nicht lange vorbei, aber ich persönlich widme mich lieber den Lovestories.
September 29, 2009
Hwaryeohan hyuga – May 18
Heute habe ich mir etwas schwerere Kost getan: Was kann passieren, wenn ein Land vom Militär beherrscht wird und dieses sich plötzlich gegen die eigene Bevölkerung wendet? In Südkorea gab es am 18. Mai 1980 eine Demonstation, die eskalierte und nach 9 Tagen, am 27. Mai, im Gwangju-Massaker endete. Genau ein Jahr vor meiner Geburt.
Dieser Film zeigt die Ereignisse in diesen 9 Tagen. Hauptcharaktere sind die Brüder Min-woo (Taxifahrer) und Jin-woo (Student), Min-woos Angebetete Shin-ae (Krankenschwester) und ihr Vater Heung-su (Hauptmann a.D.). Als die Armee Truppen zur Universität schickt, um eventuelle rebellische Bewegungen durch starke Präsenz im Keim zu ersticken, kommt es zu Gegendemonstrationen durch die Studenten. Bei Schlagstockhieben in Tränengaswolken stirbt bald der erste Student, wodurch die Spirale von Gewalt und Gegengewalt in Gang gesetzt wird. Aufgezogen wird die Story an der Romanze zwischen Min-woo und Shin-ae. Er versucht ihr Eroberer und Beschützer zu sein, sie versucht ihre Unabhängigkeit zu bewahren und gute Arbeit zu machen.
Dieser Film zeichnet sich vor allem durch einige extrem bewegende Momente aus, die einem direkt ins Herz gehen. Sie veranschaulichen was es heißt, zu töten und getötet zu werden. Von einer Sekunde auf die nächste ist man plötzlich an Stelle des Schauspielers, und fühlt selbst wie es sein muss, in eine solche Situation zu gelangen. Und was es heißt, in einer Diktatur zu leben, auch wenn sie vermeintlich friedlich ist.
September 26, 2009
Horobicheu-reul wihayeo – My piano
Diesen Film habe ich damals geschaut, nachdem ich eine Filmkritik gelesen hatte. Da ich Korea schon länger mit klassischer Musik assoziiere, war ich gespannt darauf, wie die Thematik im Kontrast von den europäischen Musiker-Biografie-Filmen umgesetzt wird. Und ich muß sagen, nicht wie ich es erwartet hätte, aber gut.
Die Story ist ein Terzett aus der alleinstehenden Kim Ji-su, 31 Jahre, eine gescheiterte Künstlerin die gerne doch noch zu Ruhm kommen will, Gyung-min, einem schwererziehbarem Waisenkind, und einem namenlosen Bewunderer der den Pizzaladen nebenan besitzt. Die Musik kann als eigene Rolle somit drei Facetten ausspielen, als den Weg zum Erfolg, als der Weg zur Persönlichkeitsentwicklung, und als Weg um eine Frau rumzukriegen. Dass diese drei Formen von Musik und damit auch die drei Charaktere in einem ständigen Konflikt stehen, von dem alle etwas lernen, ist selbstredend.
Durch die bunte Mischung aus Genre bekommt der Film eine starke Authentizität. Hier wird nicht eine epische Geschichte erzählt, sondern ein Stück Alltag auf Leinwand gebannt. Aber das mit sehr starken Bildern, bewegenden Momenten, und einem exzellenten Soundtrack. Der Film ist ein Wechselbad der Gefühle, darauf sollte man sich einstellen bevor man ihn anschaut.
September 25, 2009
Saibogujiman kwenchana – I’m a Cyborg, But That’s OK
Als ich diesen Film sah, war ich sofort verliebt. Eines der Meisterwerke der letzten 5 Jahre, nur dumm dass in Deutschland noch fast niemand davon gehört hat. Wenn es um magische Momente, verrückte Charaktere, witzige Geschichten und eine Menge Fantasie geht, kann Amélie im Vergleich einpacken. Die südkoreanische Antwort ist um einiges zeitgemäßer ausgefallen.
Eine unklassische Liebesgeschichte, auf der einen Seite Young-goon, weiblich, jung, glaubt sie wäre ein Cyborg, und benimmt sich dementsprechend. Auf der anderen Seite Il-soon, männlich, jung, glaubt er kann andere Menschen ihrer Gefühle berauben, und treibt damit die halbe Irrenanstalt in den Wahnsinn. Als Young-goon wegen Nahrungsverweigerung eingeliefert wird, will er sie vor sich selbst beschützen, und bringt Himmel und Erde in Bewegung damit sie Nahrung zu sich nimmt, damit sie ihm nicht wegstirbt.
Von Lachen bis Weinen, Action bis Meditation, Naivität bis Weisheit, ist in dem Film alles zu haben was man sich von einem guten Film erhofft. Dazu erkommt eine außerordentliche bunte Bildsprache, eine lebendige Kameraführung und zwei bewegende Hauptdarsteller. Pflichtprogramm für jede gute Filmsammlung, für mich ein IMDb-Top250-Kandidat.


